LVR-Amt für
Bodendenkmalpflege
im Rheinland
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Tüllenkanne Pingsdorfer Machart, um 1200, Fundort Brauweiler (Foto: Alfred Schuler, LVR-ABR)

Archäologie
im Rheinland

Uralte "Schriftsteine", alte Gräber und ältere "Gezähe"

Archäologie und Paläontologie präsentieren neueste Forschungsergebnisse und herausragende Funde aus dem Jahr 2020

Bonn. 7. April 2021. Zum 17. Mal präsentiert das Amt für Bodendenkmalpflege des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR) eine Auswahl von sehenswerten Neufunden des vergangenen Jahres. Zugleich widmet sich die Ausstellung übergreifenden Themen der archäologischen und paläontologischen Bodendenkmalpflege, wie Methoden der Prospektion, den Herausforderungen für die Bodendenkmalpflege in den Braunkohletagebauen und den Kiesabbauflächen, aber auch neuen Forschungen zu Altbekanntem.

Als besonderes Angebot wird demnächst eine digitale Führung in der Ausstellung durch Dr. Erich Claßen, Leiter des LVR-Amtes für Bodendenkmalpflege im Rheinland, auf dem YouTube-Kanal „LVR-Bodendenkmalpflege“ zu sehen sein (https://t1p.de/lp7q).

Erstmalig werden dieses Jahr die neuen Forschungsergebnisse und Funde des LVR-Amtes für Bodendenkmalpflege im Rheinland (LVR-ABR) auch in einer Digitalen Tagung für ganz Nordrhein-Westfalen vorgestellt. Zusammen mit der LWL-Archäologie für Westfalen zeigt das LVR-ABR insgesamt 18 Beiträge zu paläontologischen und archäologischen Themen im Rheinland und in Westfalen. Die Videos zur „Archäologie in NRW 2020“ werden am 12. April ab 9.00 h abwechselnd auf den beiden YouTube-Kanälen der Landesarchäologien ausgestrahlt (Das Programm und nähere Informationen auf www.bodendenkmalpflege.lvr.de).

Erdgeschichte
Rund ums Meer drehen sich zum größten Teil die Ausstellungsstücke der Paläontologie: Bemerkenswert alte „Schriftsteine“ – millimetergroße wurmförmige Graptolithen (Flügelkiemer) – lebten vor 480 Millionen Jahren in Kolonien am Meeresboden. Warum genau sie „Schriftsteine“ heißen ist nicht bekannt, die Bezeichnung stammt aus dem 18. Jahrhundert. Wahrscheinlich erinnerten die Fossilien den Entdecker an Schriftformen. Diese ältesten Makrofossilien des Rheinlandes stammen aus Schiefern des Erdzeitalters Unterordoviz, die in der Grube „Elise“ in Hürtgenwald-Großhau, Kreis Düren, abgebaut wurden. Weitere Meeresbewohner waren die großen Nautiliden (Tintenfisch-Verwandte) aus den 360 bis 390 Millionen Jahre alten mittel- und oberdevonischen Gesteinen, die erstmals der Öffentlichkeit präsentiert werden. Sie gehören zur legendären Nautiliden-Fauna aus dem Steinbruch Pack bei Lindlar-Linde, Oberbergischer Kreis. Der kopflose Fisch aus dem Tagebau Hambach bei Niederzier, Kreis Düren, schwamm vor ca. 3 Millionen Jahren im oberen Pliozän in einem Süßwassersee oder schwach fließenden Gewässer. Es ist der erst zweite zusammenhängende fossile Fischfund im Revier.

Vorgeschichte
Neben der im Rheinland bislang einzigartigen steinzeitlichen Kreisgrabenanlage in Swisttal-Ollheim, Rhein-Sieg-Kreis, kam 2020 auch ein bisher unbekanntes Erdwerk aus der frühen Jungsteinzeit (5300–4900 v. Chr.) bei Jakobwüllesheim, Kreis Düren, mit Methoden der Prospektion zutage: Begehungen, magnetischen Messungen und Sondagen. Die Maßnahme zur Klärung der Funderwartung in Kiesabbauflächen erbrachte auch zahlreiche Fragmente von Keramikgefäßen und Steinartefakten. Gut erhaltene Vergleichsfunde vom gleichzeitigen Fundplatz Düren-Arnoldsweiler, Kreis Düren, geben einen Eindruck davon, wie der Hausrat der ersten Bauern im Rheinland ursprünglich einmal aussah. Dass der Platz bei Jakobwüllesheim auch in der späten Jungsteinzeit (4300–2800 v. Chr.) aufgesucht wurde, belegt das Fragment eines geschliffenen Beils aus Lousbergfeuerstein, der beim heutigen Aachen abgebaut und weit verhandelt wurde.

Stück für Stück fand der lizenzierte Sondengänger Helge Heimbach seit 2015 bei Bergheim-Fliesteden, Rhein-Erft-Kreis, Teile eines Bronzeschwertes aus der mittleren Bronzezeit (1400–1200 v. Chr.). Die noch fehlende Spitze entdeckte er 2020 – nun ist das Meisterstück früher Schmiedekunst mit interessanten Herstellungsmerkmalen vollständig.

Bei Inden, Kreis Düren, gelang es im gleichnamigen Tagebau, das bislang größte Gräberfeld der frühen Eisenzeit (8.–5. Jahrhundert v. Chr.) im Rheinland freizulegen. Bei den 1500 aufgedeckten, zum Teil überhügelten Brandbestattungen zeigt sich die gesamte Bandbreite an Keramikformen dieser Zeit. Neben grob gearbeiteten Töpfen existieren sorgfältig geglättete sowie verzierte Exemplare zur Aufbewahrung des Leichenbrandes. Ein weiteres Gräberfeld aus der Zeit von 800–600 v. Chr. stammt aus Erftstadt-Erp, Rhein-Erft-Kreis. Hier wurde der Leichenbrand der Verstorbenen in besonders großen Urnen beigesetzt. Über den Gräbern wurden Hügel aufgeschüttet, die weithin sichtbar wohl an einem überregional bedeutenden Verkehrsweg lagen. Ein seltenes Fundstück aus Weeze-Vorselaer, Kreis Kleve, weist auf die Produktion von Keramikgefäßen hin. Das Fragment einer Lochtenne, auf der die Keramikgefäße zum Brand gestapelt wurden, gehörte zu einem der ältesten im Rheinland nachgewiesenen Zweikammeröfen aus der Eisenzeit und datiert nach der Radiokarbonmethode in die Zeit von 850–693 v. Chr.
Alle drei genannten Fundplätze wurden bei Ausgrabungen im Vorfeld des Rohstoffabbaus aufgedeckt, zum einen Braunkohle in Inden, und Kies in Erftstadt-Erp und Weeze-Vorselaer. Die vom Umfang vergleichbaren, riesigen Verlustflächen in den energetischen und nicht-energetischen Abbaubereichen können nur in geringen Teilen archäologisch untersucht werden, bevor die Kulturlandschaft zerstört wird. Sie bieten dennoch die Chance, gezielte archäologische Ausgrabungen auf größeren Flächen durchzuführen – das bislang 30 Hektar große und sich über 2,2 Kilometer erstreckende Gräberfeld von Inden zeugt von den Dimensionen.

Römische Epoche
In den fruchtbaren rheinischen Lössbörden erstreckte sich in römischer Zeit eine Villenlandschaft, der immer wieder besondere Befunde und Funde zu verdanken sind. So stammt aus einer Villa bei Kerpen-Manheim, Rhein-Erft-Kreis, ein Hortfund aus Fibeln, Armringen und Werkzeugen des 1. Jahrhunderts, der als Bauopfer zu deuten ist. Welche restauratorischen Maßnahmen ein solcher Fund oder auch eine spätantike Kindersandale aus dem Brunnen eines anderen Gutshofs am selben Ort erfordern, ist auch ein Thema der diesjährigen Präsentation.
In eben diesem römischen Brunnen bei Kerpen-Manheim im Tagebau Hambach fanden sich Teile einer fast vollständigen Jupitersäule aus dem 3. Jahrhundert n. Chr. mit einer seltenen Darstellung der Göttin Nemesis-Diana (nähere Informationen dazu in der Pressemitteilung zum Fund des Monats März). Von dieser Göttin des gerechten Zorns aus dem römischen Götterhimmel bis zu einem spätantiken goldenen Siegelring mit christlichem Motiv aus Dormagen-Zorns, Rhein-Kreis Neuss, geben gleich mehrere sehenswerte Funde Einblicke in religiöse Vorstellungen und Glaubenswandel in der römischen Zeit. Dass auch der Aberglaube eine Rolle spielte, zeigt ein Fund bei Erkelenz-Lützerath, Kreis Heinsberg, im Tagebau Garzweiler. Im Grab eines 5–7-jährigen Kindes aus dem 4. Jahrhundert befand sich ein Röhrchen aus zusammengerolltem Zinnblech mit magischen Zeichen oder einer Zauberformel. Solche unheilabwehrenden Amulette sind im spätantiken Rheinland aus vielen Kindergräbern bekannt. Sie zeigen wie sich die Angehörigen um das Wohl verstorbener Kinder im Jenseits sorgten.

Einen erheblichen Erkenntnisgewinn zur ländlichen Besiedlung am unteren Niederrhein in den Metallzeiten (1500–um Chr. Geburt) und insbesondere in der römischen Epoche (1.–3. Jahrhundert) erbrachten die archäologischen Untersuchungen in Weeze-Vorselaer. Im Vorfeld des Kiesabbaus wurden sukzessive über 20 Jahre mehrere Siedlungen und Gräberfelder freigelegt, zuletzt eine römische Ansiedlung mit Wohnstallhäusern und Brunnen. Die Menschen siedelten hier auf sog. Donken, flachen Erhöhungen in sumpfigem Gelände, die sich für Ackerbau eigneten. Sie wohnten nicht in Häusern römischer Bauart, wie man im Hinterland der Colonia Ulpia Traiana (Xanten) vielleicht erwarten würde, sondern in Häusern einheimischer, eisenzeitlicher Tradition – mit dem Vieh unter einem Dach. Ganz dem Römischen war man jedoch nicht abgeneigt, wie Koch- und Essgeschirr sowie seltene Metallfunde – ein Kerzenhalter und der Beschlag eines Militärgürtels – zeigen.

Auch aus der spätantiken Colonia Claudia Ara Agrippinensium gibt es Neues: Das Römisch-Germanische Museum der Stadt Köln untersuchte in Köln-Altstadt-Süd eine Sarkophagbestattung aus dem 4. Jahrhundert. Zu dem leider bereits beraubten Steinsarg gehören mehrere Beigaben, darunter die Metallbeschläge eines hölzernen Kästchens und ein Set aus Keramik- und Glasgefäßen. Älter sind hingegen die Überreste einer römischen Villa in Köln-Ehrenfeld aus dem 2./3. Jahrhundert. Die hochwertige Ausstattung bezeugen Mosaikreste und Teile von Wand- bzw. Deckenmalereien, deren besonderes Dekor sich auch im italienischen Pompeji findet. Ausgrabungen in einer Stadt – insbesondere wie Köln – stellen durch die enormen Kulturschichten eine besondere Herausforderung dar. Sie öffnen einzelne Fenster in die Vergangenheit, die wie ein Puzzle zusammengesetzt werden müssen.

Mittelalter und Neuzeit
Illegal geborgen wurden frühmittelalterliche Funde bei Wesel, Kreis Wesel, darunter eine Goldscheibenfibel. Das Fundspektrum aus dem 7./8. Jahrhundert weist darauf hin, dass hier mindestens ein Frauengrab, vermutlich von einem nicht lizensierten Sondengänger, rechtswidrig geplündert wurde. Immerhin gab der Finder die Objekte anonym und über Umwege mit Nennung des angeblichen Fundorts ab. Dass sich die Zusammenarbeit mit Privatpersonen, die mit erforderlicher Lizenz und Auflagen der Suche nach archäologischen Funden mit Metallsonden nachgehen, durchaus positiv entwickelt, zeigen andere Beispiele. Nicht nur der zuvor erwähnte, von Mirko Karagöz entdeckte, spätantike Siegelring einer hochstehenden Persönlichkeit aus Dormagen-Zons, sondern auch die Goldmünzen aus Mönchengladbach-Rheindahlen wurden von Matthias Budzicki und Marcel Spreyer legal mittels einer Metallsonde gefunden und gemeldet. Neben einer – am unteren Niederrhein singulären – keltischen Prägung aus Frankreich sind es ein spätmittelalterlicher rheinischer Gulden und zwei neuzeitliche spanische Dublonen. An der jüngeren Dublone wurden kleine Stückchen abgeknapst, um den Wert der Münze zu senken und zugleich an das Gold zur Weiterverarbeitung zu kommen. Neue Forschungsergebnisse gibt es zu bereits lange bekannten Funden aus dem Bergischen Museum für Bergbau, Handwerk und Gewerbe in Rösrath-Bleifeld, Rheinisch-Bergischer-Kreis. Mit der Radiokarbonmethode wurden mehrere hölzerne, als mittelalterlich geltende Gezähe – Geräte der Bergleute – untersucht, die man in alten Abbauschächten am Lüderich geborgen hatte. Die Mehrzahl war mittelalterlich, doch die Ergebnisse von zwei hölzernen Spaten sorgten für eine Überraschung: Sie stammen aus der Eisenzeit (Mitte 4.–Mitte 1. Jahrhundert v. Chr.) und zeigen, dass dort nicht nur im hohen Mittelalter (11.–13. Jahrhundert) und in frührömischer Zeit (1. Jahrhundert) Abbau betrieben wurde, sondern deutlich früher. Neue Untersuchungen an altbekannten Funden und Fundplätzen lohnen sich daher auf jeden Fall. Dies zeigte sich auch beim angeblichen „Römerlager“ in Gummersbach-Lieberhausen, Oberbergischer Kreis, das erst im Mittelalter entstand (7.–12. Jahrhundert), und bei der vermeintlich mittelalterlichen Wallanlage bei Windeck-Leuscheid, Rhein-Sieg-Kreis, die bereits in der späten Eisenzeit (150–80 v. Chr.) errichtet wurde. Letzteres ergaben die bei Prospektionen ehrenamtlicher Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des LVR-ABR – Dorothea und Fred Emps, Adrian Gutjahr, Gero Heinze, Ingo Prox und Klaus Wolter – aufgesammelten Funde, wie Münzen und Gürtelhaken.

Durch die Zeiten
Funde durch alle Epochen illustrieren die Tätigkeiten der ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des LVR-ABR. Durch deren unermüdlichen Einsatz und ihre Kenntnisse vor Ort mehren sie unser Bild von der prähistorischen und historischen Kulturlandschaft. Unscheinbare Funde, die durch die stete Arbeit von Heinrich Smits, auf den Feldern in Goch-Pfalzdorf, Kreis Kleve, oder durch Walter Bender bei Zülpich, Kreis Euskirchen, entdeckt, eingemessen und aufgesammelt wurden, zeichnen z.B. ein Bild der jungsteinzeitlichen Besiedlung (5300–2150 v. Chr.) bei Pfalzdorf oder der ackerbaulichen Nutzung der Region um Zülpich während der römischen Epoche und dem Mittelalter. Aber auch ansehnlichere Funde, wie die oben genannten aus Windeck-Leuscheid, Rhein-Sieg-Kreis, oder die von Klaus Ludwig gefundene römische Tierfibel mit einer Wildschweinjagd aus Selfkant-Tüddern, Kreis Heinsberg, und die von der AG „Kervenheimer Keramik“ bei Baumaßnahmen aufgesammelte Töpferware des 17.–19. Jahrhunderts aus Kervenheim, Kreis Keve, sind den ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu verdanken.

Präsentation der Funde - derzeit geschlossen
LVR-LandesMuseum Bonn, Colmantstr. 14-16, 53115 Bonn, 2. OG.

Die Pressemitteilung und Bilder finden Sie hier:

PI & Bilder (ZIP, 37,59 MB)

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